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Start-up & Lügen. In DER STANDARD, von Lisa Breit.

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Fotoquelle: Pixabay

Start-up & Lügen

Smoothies und selbstbestimmtes Arbeiten? Von wegen. Die Gründerszene sei weit weniger sexy, als sie sich gibt, sagt die Französin Mathilde Ramadier

Flache Hierarchien, die Chance auf schnellen Aufstieg, die Gelegenheit, die Welt zu verändern: Kaum etwas davon ist Wirklichkeit, sagt Mathilde Ramadier. Die gebürtige Französin hat für zwölf Berliner Start-ups gearbeitet und schildert ihre Erfahrungen im Buch „Bienvenue dans le nouveau monde“ (zu Deutsch: Willkommen in der neuen Welt). „Mein Ziel war zu zeigen, dass diese Welt weit weniger sexy ist, als sie sich gibt. Was man hört oder liest, ist meist nur die Sicht der Gründer oder Investoren“, sagt Ramadier zum STANDARD.

Die 29-Jährige studierte, bevor sie nach Berlin kam, in Frankreich Kunst und Philosophie. Da die Jobsuche für Geisteswissenschafter mitunter nicht leicht ist, sei sie euphorisch über ihre erste fixe Stelle bei einem Berliner Kunst-Start-up gewesen. Die Aufgaben waren schließlich aber weniger vielversprechend. Eingestellt hat man Ramadier als „Country Managerin“ für Frankreich. „Die Jobtitel klingen immer großartig – jeder ist ‚Manager‘ von irgendetwas“, sagt Ramadier. Außer Country Manager war sie bereits „Content Manager“ und „People Manager“. Was Ramadier tatsächlich erledigen musste, seien häufig Praktikantenaufgaben gewesen – etwa Daten in Excel eingeben. Schlecht war auch das Gehalt. So habe sie als Country Manager nur 960 Euro brutto pro Monat verdient.

 

Welt verändern – Irrtum

Aber nicht nur die Hoffnung auf spannende Aufgaben wurde enttäuscht – auch jene, bis zu einem gewissen Grad etwas für die Gesellschaft beitragen zu können, an etwas Neuem, Kreativen mitzuwirken. Die meisten Start-ups, stellt Ramadier fest, seien nämlich keine sozialen Projekte – „ein großer Teil macht weder etwas Gutes noch etwas Bahnbrechendes, sondern E-Commerce“.

Sie nennt als Beispiel Zalando: Das erfolgreiche Unternehmen, das in Berlin als Start-up begonnen hat, verkauft Kleidung. „Ich weiß nicht, was daran revolutionär sein soll – genauso wenig wie bei den zig Start-ups, die Essen nach Hause liefern oder Schminke, Parfüms und Windeln verschicken.“

 

Freibier gegen Überstunden

Schnell auf die Nerven ging der Französin auch der Lifestyle, der in der Szene gelebt wird. In einem Möbel-Start-up, für das sie arbeitete, sei der Kühlschrank immer voll mit Obst, Snacks und Bier gewesen, mittags gab es Essen für alle, freitags Freigetränke. Und einmal im Monat habe der Chef das ganze Team in ein Restaurant ausgeführt. „In den ersten Tagen schien es mir wie das Paradies.“ Viele Vorteile, die die Mitarbeiter „vergessen lassen sollen, dass sie da sind, um zu arbeiten“, sagt Ramadier.

Diese Goodies hätten es auch schwergemacht, Kritik zu üben. „Wenn es so cool ist, da zu arbeiten, ist es plötzlich auch kein Problem mehr, Überstunden zu machen. Das ist der perverse Effekt.“

 

Eine große Familie?

Schließlich war da noch der Anspruch, besonders gut miteinander auszukommen. Firmenevents seien zwar nicht verpflichtend gewesen – „aber da alle hingingen, hatte man keine Wahl“, sagt Ramadier. Viele ihrer Kollegen hätten auch ihre Freizeit miteinander verbracht. „Das hört man oft in Start-ups: Wir sind keine Firma mehr, wir sind eine Familie. Wir sind keine Kollegen mehr, wir sind Geschwister oder Freunde. Es gibt kein Büro mehr, wir arbeiten in Open-Spaces.“

Gleichzeitig wurde Leistung gemessen und verglichen. Da weiche das kolportierte Familiengefühl schnell einem Konkurrenzdruck, sagt Ramadier: „Wir standen im ständigen Wettbewerb. Das bringt eine sehr schlechte Stimmung.“

 

Von wegen Gleichberechtigung

Was die Französin außerdem bemerkte: In Start-ups herrsche weit weniger Gleichberechtigung, als zumeist behauptet wird. „Es gibt weit weniger weibliche CEOs. Die Frauen sind oft ganz entlang dem Klischee beschäftigt, machen die Kommunikation oder sind in der HR-Abteilung. Es gab beispielsweise nur wenige Frauen in der Finanzabteilung“, sagt die Französin.

Nach der Veröffentlichung ihres Buches in Frankreich habe sie einige Nachrichten von Männern aus der Szene erhalten. „Sie behaupteten, ich hätte keine Ahnung, wovon ich spreche. Ich solle bitte einen Rock und ein Kleid tragen und den Mund halten. Für mich ein weiterer Beweis, dass diese neue, angeblich so faire Start-up-Welt nicht immer so fair ist.“

 

„Brauchte einen Nebenjob“

Warum sie dennoch nicht wechselte, sich immer wieder Jobs im Start-up suchte? „Ich war damals schon Autorin, konnte aber nicht davon leben. Ich brauchte also einen Nebenjob. Und in der Start-up-Szene kann man schnell etwas finden“, sagt Ramadier, die zugibt: „Ich war auch noch nicht kritisch genug.“

Zur Frage, warum so wenig Kritik an der Szene zu hören ist, sagt die junge Frau: „Viele, die Ähnliches erleben, wollen in der Branche bleiben und sich deshalb nicht äußern.“ Sie selbst schreibt mittlerweile nur noch Bücher, macht Übersetzungen „und will sicher nicht mehr für ein Start-up arbeiten“.

 

Read the full article at: derstandard.at

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