“Man kann aus der Karenz heraus Karriere machen”

Frauen

Karenz & Karriere. in Wiener Zeitung – Online, von Petra Tempfer.

Karenz & Karriere - X SIEBEN

Fotoquelle: Pixabay

Derzeit gibt es in Österreich rund 6200 Rechtsanwälte und 2200 Anwärter – nur 20 Prozent sind Frauen. Unter den Richtern hat sich das Verhältnis bereits gedreht, hier sind etwas mehr Frauen (rund 53 Prozent) als Männer tätig. Auch der Frauenanteil unter den Jus-Absolventen steigt. Derzeit schwankt er der Universität Wien zufolge zwischen 55 und 59 Prozent. Anfang des Jahrtausends lag er bei etwa 52 Prozent.

Doch warum ist es gerade der Anwaltsberuf, in dem nur so wenige Frauen Fuß fassen? Ist er mit einer potenziellen Mutterschaft schlecht vereinbar? Anna Wolf-Posch ist eine der wenigen Frauen, die als Anwältin Karriere gemacht hat – und das mit einer 18 Monate alten Tochter. Im Interview mit der “Wiener Zeitung” erklärt sie, warum sie glaubt, dass Frauen und Männer grundsätzlich die gleichen Chancen haben. Man müsse sich aber ein Netzwerk schaffen.

“Wiener Zeitung”: Ein Award wurde für die herausragenden Leistungen im Bereich der JuristInnenförderung vergeben. Hätten Sie es in jeder Kanzlei als Frau mit Kind auch so weit gebracht?

Anna Wolf-Posch: Also zunächst bin ich zu CHSH gegangen, weil das Kartellrecht-Team einen tollen Ruf hat und die Möglichkeit, da als Partnerin dazuzustoßen, einfach wahnsinnig attraktiv war. Aber natürlich braucht man als Elternteil die Unterstützung der Firma, ohne die geht es einfach nicht.

 

Hat man es da als Frau schwieriger als die männliche Konkurrenz?

Ich glaube, dass Frauen und Männer grundsätzlich gleiche Chancen haben. Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, dann ist man als Frau allerdings tendenziell schon stärker gefordert, zu zeigen, dass man das vereinbaren kann – man schafft das aber auch ganz gut. Als Frau neigt man vielleicht stärker als der Mann dazu, sich selbst kritisch zu betrachten, und gerade beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein. Letztlich muss man sich gut organisieren können.

 

Wie organisieren Sie sich?

Meine Familie ist in Deutschland, die Familie meines Mannes lebt außerhalb von Wien. Meine Tochter geht vormittags in den Kindergarten, nachmittags haben wir eine Betreuung, und mein Mann und ich teilen uns die Spätnachmittage und Abende auf. Ich glaube, das Wichtigste ist, sich sein Netzwerk zu schaffen und dieses auch zu nutzen. Man braucht ein gutes Grundsetting, das für das Kind fair ist.

In Ländern wie Großbritannien ist das nicht so selten wie bei uns. Im angelsächsischen Raum gibt es auch mehr erfolgreiche Partnerinnen bei Kanzleien, die nicht nur ein Kind, sondern mehrere Kinder haben.

 

Ist Ihr Mann auch berufstätig?

Mein Mann hat ebenfalls einen fordernden Job, aber wir organisieren unser Leben fifty-fifty. Wenn zum Beispiel unsere Tochter krank ist und nicht in den Kindergarten gehen kann, springt einer von uns ein. Ich glaube, das ist der Punkt. Es ist wichtig, dass man sich in der Partnerschaft mit dem Mann alles gleichwertig aufteilt und es nicht nur einen gibt, an dem im Zweifelsfall alles hängen bleibt. Oft managt die Frau allein Beruf und Kinder, dann wird es schwierig.

 

Wer war in Ihrem Fall wie lange in Karenz?

Ich war in Karenz, für österreichische Verhältnisse wahrscheinlich relativ kurz, insgesamt vier Monate. Danach habe ich sechs Monate lang Teilzeit gearbeitet. Im internationalen Vergleich ist die relativ kurze Karenz nicht ungewöhnlich, im Endeffekt hat das sogar einiges leichter gemacht, weil dadurch die Umstellung für meine Tochter leichter war. Wir hatten nicht das Problem, dass sie sich umgewöhnen musste, weil sie es immer so gewohnt war.

 

War für Sie von Anfang an klar, nicht lange in Karenz zu bleiben?

Ich habe nie Druck von außen verspürt, schnell wieder zurückzugehen. Für mich war einfach klar, dass ich das so machen möchte. Ich glaube auch nicht, dass Karenz etwas Schlechtes ist. Man kann aus der Karenz heraus beziehungsweise nach der Karenz sehr gut Karriere machen. Wichtiger ist, dass man als Frau in der Karenz nicht verschwindet.

 

Was würden Sie diesbezüglich einer Anwältin, die schwanger ist, raten?

Dass man sich bemüht, den Blick auf die eigene Arbeit nicht zu verlieren. Das bedeutet, dass man zum Beispiel in der Karenz Kontakt zur Kanzlei hält, dass man ein Interesse behält an dem, was vor sich geht. Und dass man auch immer wieder nach außen signalisiert, dass man weiterhin ein Interesse an Karriere hat.

Dass man das Selbstvertrauen hat, das einzufordern – etwas, wovor wir uns als Frauen häufig scheuen. Das bedeutet überhaupt nicht, dass man sein Kind nicht als oberste Priorität ansehen sollte, aber dass man weiterhin auch in Bezug auf seinen Beruf ehrgeizig bleibt.

 

Waren Sie als Schwangere jemals mit der Reaktion konfrontiert, dass Ihr Gegenüber eine Karriere mit Kind angezweifelt hat?

Ja klar, ganz häufig. Man merkt aber auch, dass – wenn man es einfach macht und nicht davor zurückschreckt – gerade die, die anfangs Bedenken hatten, letztendlich sagen: “Das ist toll, wie ihr das hinkriegt und wie glücklich eure Tochter dabei ist.” Ich kenne es vom eigenen Familiensetting her nicht anders. Meine Mutter war auch berufstätig, deshalb fällt es mir wahrscheinlich leichter.

Man muss positiv darauf zugehen, und was auch ganz wichtig ist: Wenn man daheim ist, dann ist man daheim. Wenn ich bei meiner Tochter bin, leg’ ich das Handy weg. Auch das ist wieder eine Organisationsfrage. Direkt davor schaue ich noch einmal, dass alles passt, damit ich mit gutem Gewissen heimgehe. Dann spreche ich mit meinem Ehemann ab, wann er daheim sein kann, und ich weiß ganz genau, wann ich wieder meine Emails checken kann.

 

Müssen Sie am Abend oft noch E-Mails checken?

Das hängt von der Situation ab. Zum Beispiel, wenn wir ein großes Mandat haben, oder wenn ich am nächsten Tag in der Früh direkt einen Termin habe, auf den ich mich noch nicht vorbereitet habe. Ich würde mein Setting jetzt nicht als ein extrem stressiges Setting bezeichnen.

Es geht um Eigenverantwortung wie bei jedem, der selbständig ist. Man muss einfach einen Überblick haben über das, was ansteht, und ich glaube, da ist die Situation bei Frauen nicht anders als bei jedem Familienvater auch.

 

Könnte es die Angst vor der Doppelbelastung sein, die so wenige Frauen Anwältinnen werden lässt?

Es ist ein Mittelding. Viele Frauen schrecken davor zurück, weil sie glauben, Familie und Beruf nicht in Einklang bringen zu können, aber auch die Umgebung spielt eine Riesenrolle. Wenn man auf das, was einem während der Schwangerschaft gesagt wird, hört, dann hat man mit Sicherheit Schwierigkeiten, es durchzuziehen.

Ich glaube, dass in dieser Phase viele davor zurückschrecken. Und dann braucht es natürlich auch den Arbeitgeber, der entsprechend unterstützt und den Sprung ins kalte Wasser wagt – wie zum Beispiel meine Kanzlei, die gesagt hat, wir machen eine Frau mit einem noch jungen Kind zur Partnerin. Das ist ja auch ein Vertrauensbeweis, dass man sagt, wir trauen ihr zu, dass sie das auch hinbekommt.

 

Was verändert sich in beruflicher Hinsicht, wenn man Mutter wird?

Ich bin der festen Überzeugung, dass man auch als Anwalt besser wird, weil man lernt, auf das Wesentliche zu fokussieren. Das gilt auch für die jungen Väter. Außerdem erwirbt man zusätzliche Lebenserfahrung und wird abgeklärter. Man wird ja auch mit dem Alter in der Regel abgeklärter, durch die Elternschaft passiert das im Schnelldurchlauf. Man lernt unglaublich viel dazu.

 

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