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Künstliche Intelligenz – was wir von China lernen können

Digitalisierung

Künstliche Intelligenz & China. In Manager Magazin, von Martin Eisenhut.

Künstliche Intelligenz & China - X SIEBEN

Fotoquelle: Pixabay

Chinas Tech-Unternehmen und der scheinbar in alles involvierte Staat holen zum digitalen Sprung auf das große Ganze aus. Dies gilt insbesondere für die Mobilität.

 

Fünf Thesen, warum es gerade für uns Europäer an der Zeit ist, „Made in China

 

Chinas Tech-Unternehmen und der scheinbar in alles involvierte Staat holen zum digitalen Sprung auf das große Ganze aus.

Dies gilt insbesondere für die Mobilität. Fünf Thesen, warum es gerade für uns Europäer an der Zeit ist, „Made in China“ ganz neu zu betrachten, von den Trends im Reich der Mitte zu lernen und gleichzeitig ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

 

1. Der ganzheitliche Ansatz

 

Chinesische Zulieferer und Start-ups in Städten wie Bejing und Shanghai verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Künstliche Intelligenz (AI) ist für sie nicht nur Rückgrat ihrer Produkte und Dienstleistungen, sondern sie entwickeln und produzieren auch ihre Hardware selber. Parallel beschäftigen sie sich intensiv mit der Frage, wie sie ihr Know-how nutzen können, um beim Endkunden zu punkten.

Man nehme das Beispiel Auto Head-up-Display. Dort bieten Unternehmen Produkte an, die den Standardangeboten der Autobauer überlegen sind und Zusatzservices offerieren. In Europa noch (fast) unvorstellbar, tauschen chinesische Autokäufer nach dem PKW-Erwerb das Display des Armaturenbrettes aus und bekommen so ein überzeugenderes Design, eine bessere – AI gestützte – Spracherkennung und Navigation und bei gleichem Soundsystem deutlich bessere Klangergebnisse.

Start-ups wie Flexiv konstruieren für den B2B-Bereich nicht einfach nur einen Roboter, sondern bieten Komplettlösungen aus AI und Roboterarm an. Auch hier gilt: Hard- und Software werden in Eigenregie nicht nur entwickelt, sondern man will auch entlang der gesamten Wertschöpfung produzieren.

Wir sollten uns deshalb in Europa hüten, uns zurück zu lehnen. Wer jetzt nicht selbst zukunftsfähige, ganzheitliche Strategien entwickelt, könnte plötzlich feststellen, dass er als Glied in der Wertschöpfungskette nicht mehr gebraucht wird.

 

2. AI is everywhere

 

Während wir in Europa noch diskutieren, wie die beste AI-Strategie aussehen könnte, handelt China. Staatlich massiv gelenkt, wird die Größe des eigenen Marktes genutzt, um AI einfach zu „machen“. Erfolge und Misserfolge werden regelmäßig analysiert und Fehlentwicklungen rasch korrigiert. Ein chinesisches Trial-and-error-Prinzip, in einem riesigen Markt und mit großen Hebeln.

In der Europäischen Union müssen wir mit dem Luxus aufhören, dass die Mitgliedsstaaten noch immer eigene AI-Strategien verfolgen, anstatt alle Kräfte europäisch zu bündeln und die Vorteile des Binnenmarktes auszuspielen. AI ist eine Frage, die federführend in die Europäische Kommission und ins Europäische Parlament gehört.

Jedes Mitgliedsland kann sich gerne einbringen, aber entschieden werden muss europäisch. Es ist absurd, wenn Regierung und nationale Abgeordnete in Deutschland, Frankreich oder Polen über diese Fragen beraten, ohne zu wissen, was der andere tut; oder wenn sie sich von Egomotiven leiten lassen.

Nicht die Frage, ob die 2018 gestartete EU-Strategie „AI Made in Europe“ ein Erfolg wird, ist daher die richtige, sondern wie schnell wir diesen Erfolg schaffen. Wir brauchen den gesteuerten, transnationalen Austausch und eine europaweite Plattform. Nationale Kirchturmpolitiken sind vielleicht bequemer, aber selbst eine große Wirtschaftsnation wie Deutschland wird dauerhaft alleine nicht mithalten können.

 

3. Auch in elektrischen Zeiten gilt: Emotion matters

 

Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, dann besuchen Sie in Shanghai an einem Nachmittag Showrooms der Elektromarken Tesla, NIO und Byton. Sie werden sehen, Tesla ist verdammt inkrementell.

Mit dem in München entwickelten M-Byte von Byton steht ein Produkt in den Startlochern, das andere OEMs unter Druck setzen dürfte, falls die Serienfertigung hält, was im Shanghaier Showroom versprochen wird. Konkurrent NIO ist einen Schritt weiter und hat bereits mehrere tausend Fahrzeuge verkauft. Das Auto ist hingegen weniger revolutionär.

Viel spannender ist, dass NIO eigentlich kein Auto mehr verkauft, noch nicht einmal mehr ein Mobilitätsangebot. Das milliardenschwere Start-Up bietet seinen Kunden ein ganzes Lifestylekonzept. In „NIO Houses“ können Fahrzeugbesitzer exklusiv nicht nur einen Kaffee trinken, sondern auch Meetingräume buchen, Partys veranstalten, sich mit Freunden treffen oder ihr Kind bei einer Betreuung abgeben.

Komplettiert wird das Ganze durch das passende NIO Outfit, das im Store erworben werden kann. Folgerichtig sind „NIO Houses“ in der Innenstadt angesiedelt, und statt Ol- und Gummigeruch wartet der Latte Macchiato. Dort trifft man viele junge Chinesen, die hier, und nicht in ihren Büros, ihren Business Meetings und Telefonkonferenzen nachgehen. Den Anwesenden scheint es fast wichtiger zu sein, diesem exklusiven Kreis anzugehören, als das Fahrzeug zu besitzen, das abseits irgendwo in einer Tiefgarage parkt.

 

4. Die junge Tech-Generation Chinas ist kosmopolitisch

 

2017 studierten laut chinesischem Bildungsministerium erstmals mehr als 600.000 Chinesinnen und Chinesen im Ausland. Über 360.000 davon zog es allein in die USA und hier oftmals an die Eliteuniversitäten. Berücksichtigt man, dass laut staatlichen chinesischen Angaben etwa 80 Prozent direkt oder mittelfristig wieder in ihre Heimat zurückkehren, dann kann man sich ausmalen, was für ein Wissenstransfer Jahr für Jahr in Richtung China stattfindet.

Diese junge Generation verfügt über entscheidende Startvorteile gegenüber nicht-chinesischen Unternehmen und Investoren, denn sie kennt die Besonderheiten des riesigen Landes und verfügt über Kontakte in staatliche Stellen und Behörden. Sie bringt zudem das Land durch frische Ansichten, neueste Forschungserkenntnisse und Netzwerke in die Eliten der westlichen Welt voran.

Für uns Europäer stellt sich vor allem eine Frage: Wie können wir verhindern, dass Wissensaustausch und Netzwerkbildung vorrangig zwischen den USA und China stattfinden und Europa außen vor bleibt?

 

5. Big brother lebt mittendrin

 

Wer in China Geschäfte macht, muss sich zwangslaufig mit den Aspekten Überwachung und Zensur auseinandersetzen. Spätestens wenn man an einer Fußgängerampel mit Gesichtserkennung steht, die Negativpunkte vergibt, wenn man bei Rot die Straße quert, fühlt sich die Tragweite von AI ganz anders und real an. Die Zahl der Überwachungskameras an manchen Orten scheint nur noch dadurch limitiert, dass der Mast, auf dem sie montiert sind, nicht noch mehr Kameras tragen kann.

All das wird mit Sicherheitsaspekten begründet und stoßt auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Für uns kaum vorstellbar, dass Bürgern allein im Jahr 2018 über 17 Millionen Flugreisen und fast 5,5 Millionen Zugreisen untersagt wurden, weil ihr Sozialpunkte-Scoring negativ aufgefallen war. Das auszublenden wäre ein grober Fehler, auch weil der chinesische Staat seine Position sehr selbstbewusst vertritt.

Daran werden wir in Europa nicht groß etwas ändern. Wir sollten aber genauso selbstbewusst für uns entscheiden, welche der digitalen Möglichkeiten wir wie nutzen wollen, und auf welchem ethischen Fundament. Das ist nicht nur eine Frage an Politik und Gesellschaft, sondern explizit eine an jedes einzelne Unternehmen. Die Digitalisierung verändert eben nicht nur unsere Fabrikhallen, sondern beruhrt jegliches unternehmerische Handeln.

Und wir Europäer sollten uns nicht kleiner machen als wir sind. „Made in Europe“ ist noch immer ein Qualitätssiegel. Und wir können sehr wohl globale Standards setzen – wenn wir uns einig sind.

 

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